Thomas Frahm: Bote aus Bulgarien

Roman, 327 S., Hardcover mit Schutzumschlag, 24,00 €
ISBN 978-3-929634-83-9

 

 

Das Buch
Kann es sein, dass man erst in die Fremde gehen und dort in einer Art innerer Notwehr leben muss, um Heimat zu entdecken? Nicht als Idylle, sondern als Ort, an dem das eigene Leben statt-finden und eine Geschichte bekommen kann? Georg Hensler versucht es mit Bulgarien. Dort wird er mit fruchtbaren Zumutungen so reich bedacht, dass er nicht nur in Geschichten hinein gerät, sondern sogar davon zu erzählen lernt.

 

Inhalt

Georg studiert endlos herum. Das gefällt weder ihm noch seiner Mutter, die ihn allein groß gezogen hat und hoffte, aus ihm würde einmal et-was Besseres werden. Sein Leben gestalten?

Gern, aber wie? Und wo genau liegt es, dieses verflixte Leben? Da lernt er in einem Seminar Georgi kennen, den Sohn bulgarischer Einwanderer. Obwohl Georg entschluss- und willensschwach ist, Geor-gi hingegen zielstrebig und realistisch, leiden beide darunter, dass ihr Leben keine Geschichten abwirft, und das im Tu-was-du-willst-Deutschland der 1990er Jahre. Georgis Vater hingegen, der weder Freiheit noch Individualismus kannte, weiß atemberaubende Geschichten zu erzählen. Warum ist das so?
Eines Tages schlägt Georgi vor, nach Bulgarien zu gehen, um es herauszufinden. Gesagt, getan! Georg muss bald allein klarkommen. Zwar hilft Georgi ihm bei amtlichen Dingen; zwar schafft er einen Einstieg als Journalist; aber die bulgarischen Verhältnisse und die undefinierbare Beziehung zu Georgis Cousine Gergina zwingen ihn, sein Leben endlich in die Hand zu nehmen.

Das hofft auch seine Mutter, die sich in Ger-ginas Charakter und ihren Nöten als allein erziehender Mutter wiedererkennt! Sie glaubt bald, doch noch eine wahre Freundin gefunden zu haben. Georg steht auf einmal in der Pflicht: Er ist ihr Bote aus Bulgarien.

 

Leseprobe

6

Erst zum zweiten Mal hörte ich das schnarrende Geräusch, das der rasend schnell hin- und herpendelnde Klöppel machte, wenn er an die Aluminiumwände der kleinen, schiefen Glocke rechts oben über der Tür schlug. Das erste Mal war es der Treppenhausverwalter gewesen, ein ordentlicher Pensionär mit schlohweißem, noch vollem Haar und rot geäderter Knollennase in einem breiten Gesicht. Ich sollte mich ins Bewohnerbuch eintragen. Der große Nagel seines breiten Zeigefingers zeigte auf das richtige Feld in der rechten Spalte einer akkurat mit Lineal auf das rautierte Blatt gezeichneten Tabelle. Anschließend erklärte Ganko mir die Sache mit der monatlichen Gebühr, die alle Hausbewohner zahlten: zwei Leva pro Person für den Aufzug und noch zwei Leva für die Putzfrau und kleinere Reparaturen. Sein kleines Salär verschwieg er vornehm.

»Kommen Sie doch rein«, sagte ich. »Am Tisch schreibt sich’s besser.«

»Sie sind der erste Mieter hier«, sagte er und schaute sich diskret um, ob ich schon irgend etwas Auffälliges mit der Wohnung angestellt hatte. »Alle anderen sind Eigentümer.«

»Bisschen Abwechslung«, versuchte ich zu scherzen.

»Sie sprechen gut bulgarisch«, lobte Ganko.

»Zuhören, fragen, aufschreiben«, antwortete ich, um nicht die ganze Geschichte erzählen zu müssen.

»Wo kommen Sie her?«, tastete Ganko sich weiter heran.

»Aus Deutschland.«

»Mein Sohn arbeitet da«, vermeldete er stolz. Dann schien ihm eine Art Befürchtung in den Sinn zu kommen: »Und aus welcher Gegend?«

»Wie meinen Sie das?«

»Ost oder West?«

»West.«

Ganko schien ein Stein vom Herzen zu fallen. Die Spannung wich aus seinem Körper, auf sein Gesicht trat ein Lächeln, und nun setzte er sich auch. Ich gab ihm einen Fünf-Leva-Schein.

»Der fünfte Lev ist für ein Bierchen«, sagte ich.

Ganko nahm den Schein zwischen Daumen und Zeigefinger und strich sich damit einmal von links und einmal von rechts übers Kinn.

»Wenn hier nur jeder so anstandslos bezahlen würde«, schlug seine Stimme plötzlich in einen Jammerton um. Dann näherte er sein Gesicht und raunte mir zu: »Ihre Nachbarin zum Beispiel tut seit Monaten, als wäre sie nicht da. Hat sich den Balkon mit teuren Fenstern zur geschlossenen Küche umbauen lassen, alles vom Feinsten, aber vier Leva hat sie nicht übrig für die Hausgemeinschaft. Guckt immer, dass niemand im Treppenhaus ist, wenn sie in den Aufzug steigt.«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und so wiegte ich nur mit der gebotenen Schwere den Kopf. Zu der Zeit kamen sämtliche Rechnungen – für Wasser, Strom und Fern-heizung – noch als Lochpapierstreifen an, wegen der unterschiedlichen Länge mit der Schere von Hand abgeschnitten, und wurden ohne Umschlag in die Briefkästen gelegt. Da an vielen Briefkästen die Holztürchen abgerissen waren, las ich beim Aufheben einiger Zettel, die von der Zugluft auf den Boden gewirbelt worden waren, Beträge, die vor allem bei den Heizkosten oft in die Tausende gingen; das waren fünf bis zehn Monatslöhne.

Das erneute Schnarren der Klingel riss mich aus meinen Gedanken. Zuerst fragte ich mich, ob das Klingeln noch zur Erinnerung an Ganko gehörte, oder ob es schon Gegenwart war. Ich sprang auf, eilte zur Tür, öffnete sie weit, drehte den Schlüssel im Schloss der Sicherheitstür herum, besann mich, schaute durch den Spion. Aber ich hatte so lange gezögert, zur Tür zu gehen, dass das Flurlicht bereits er-loschen war. Wäre es Ganko gewesen, hätte er längst wieder auf den Knopf gedrückt. Mein Herz legte einen kurzen Galopp ein. Na, komm, dachte ich, wird schon nichts Schlimmes sein. Ich stieß die am Außenrahmen einmontierte Tür an der Klinke nach außen. Vor meinen Augen, die von der 25-Watt-Birne in der Küche schon etwas strapaziert waren, tanzte in Flocken die Dunkelheit. Der Klang einer rauen Altstimme schwebte sanft wie eine schwarze Schneeflocke zu mir herüber und schmolz in meinem linken Gehörgang.

»Zdravej«, sagte die Altstimme.

19

Hallo Muttern,

dein liebes Kärtchen mit dem Lob, dass ich so gut und klaglos zurechtkomme hier, ist gestern angekommen, danke dafür, aber dein Brief hat in nun schon über zwei Wochen immer noch nicht den Weg in meinen Briefkasten gefunden. Der wird wohl auch nicht mehr kommen, und ich kann dir auch sagen, warum. Da mein Briefkasten zu den wenigen gehört, an denen das Türchen noch nicht abgerissen ist, muss er vorher abhanden gekommen sein. Als du am Telefon sagtest, du hättest ein »kleines Scheinchen« rein getan, damit ich mir auch mal was gönnen kann, hab ich mich, ehrlich gesagt, über deine Sturheit geärgert! Ich hab dir hundertmal gesagt, dass alle hier mich gewarnt hätten, die bei der Post seien nun einmal das Durchleuchten von Briefen gewöhnt, und wenn was drin sei, das sich genauer zu lesen lohnt, dann tun die das auch. Ja, Muttern, Deutsche an sich nimmt man hier schon voller Respekt auf, wie dann erst so einen deutschen 50-Mark-Schein? Mach das bloß nie wieder! Ich weiß ja, wie es gemeint ist, und ich gebe zu, du hattest bisher allen Grund, zu ver-muten, dass es bei mir mit dem Geldverdienen nicht weit her ist, aber ich war ja auch noch nie in der Situation wie jetzt.

Die Redaktionen reagieren zwar erst skeptisch, wenn jemand Un-bekanntes sich meldet und Beiträge vorschlägt, aber sie versuchen es, weil sie hier keine Leute haben. Da ich am Telefon vor Nervosität leicht ins Stottern gerate und dann blödes Zeug fasele, schreibe ich mir, bevor ich zum Hörer greife, kleine Zettel mit Stichpunkten. Ich und pingelig, da staunste, was? Aber die Leute machen dir mit ihrer Stim-me unmissverständlich klar, dass sie gaaanz wenig Zeit haben, und du musst gucken, dass du in höchstens einer Minute ihr Interesse weckst.

Bis jetzt schicke ich meine Texte noch per Telefax durch, aber Georgi meint, ich solle mal langsam zur Kenntnis nehmen, dass Computer nicht bloß elektrische Schreibmaschinen seien, sondern ans Internet angeschlossen werden könnten. Da gebe es sogenannte An-bieter, bei denen du dir ein elektronisches Postfach anlegen könntest, E-Mail hieße das, und da könne man Texte als Datei reinkopieren oder dranklemmen, also sozusagen mit in den Umschlag tun, und die Empfänger bräuchten dann mein Zeug nicht mehr abzutippen, sondern könnten die Datei bei sich auf dem Computer öffnen, bei Bedarf ändern und mir dann zurückschicken. Wenn er demnächst mal Zeit hat, will er mit mir in so ein Geschäft gehen und einen passenden Nutzervertrag abschließen, die Bulgaren seien bei solchen Sachen viel weiter als die Deutschen, und mir anschließend helfen, den Zugang an meinem Computer einzurichten.

Das kann dauern, denn Georgi geht in seiner neuen Aufgabe voll auf, und wenn ich ihn sehen will, muss ich schon zu ihm gehen. Er macht sich lustig über mich, dass ich in manchen Dingen schwer von Begriff und nicht selbstständig bin, aber es ist ja nun wirklich alles total fremd für mich hier und ich fühle mich wie ein I-Dötzchen im eigenen Leben, lerne erst jetzt so richtig Lesen und Schreiben und dass man lieber drei Mal guckt, bevor man über die Straße geht. Auch hier hat der Mercedes eben eingebaute Vorfahrt, und die nimmt er sich …

Gemessen daran geht doch alles schon ganz gut. Wenn ich im Ge-schäftchen schräg gegenüber meine kleinen Einkäufe mache, sagt zwar jede Verkäuferin, die mich zum ersten Mal bedient, grinsend, ich könne aber schon gut Bulgarisch, was so viel heißt wie: »Bemüh dich nicht, wir haben dich erkannt, Ausländer!«, aber ich bekomme immer, was ich verlangt habe, sogar, wenn ich nicht darauf zeige. Okay, fast immer.

Ich gehe, ja, lach nur, in die Post, um Heizung und warmes Wasser zu bezahlen, weil Post und Heizkraftwerke eben noch staatlich sind, Strom ebenfalls, nur fürs Wasser muss ich an einen Extraschalter. Bis ich den gefunden hatte, das war vielleicht ’ne Aktion. Bin dreimal vorbeigelaufen, bis ich mich überwunden und jemanden gefragt habe. »Sie stehen davor«, bekam ich zu hören. Ich dreh mich um – und siehe, es war einfach ein zum Schalter umfunktioniertes Fensterchen neben einem normalen Hauseingang.

Aber das kann ich dir vielleicht auch bald alles mündlich erzählen, denn beim Radio bestehen einige von den älteren Redakteuren darauf, vor der Aufnahme im Studio den Text noch persönlich mit dem Autor durchzugehen. Und bei Kommentaren und so wollen sie, dass ich die auch selber spreche. Darum wurde ich bald gefragt, ob ich nicht aktuelle Sachen hier im bulgarischen Radio aufnehmen und über den Kollegenaustausch schicken, und für die Sachen mit Interview-Auf-nahmen anreisen und bei ihnen im Studio aufnehmen könnte? Ich solle die Beiträge bündeln, könne für eine größere Reportage auch Fahrtkosten geltend machen.

Wenn ich mit dem Bus fahre, habe ich mich erkundigt, dauert das zwar anderthalb Tage, kostet aber nur halb so viel wie ein Flug mit der bulgarischen Fluglinie. Die fliegen außerdem nur nach Berlin und ab und zu nach Leipzig, von da müsste ich noch ein Flugzeug oder den Zug nehmen, das würde teuer. Der Bus aber würde allerlei Städte abklappern und bis nach Dortmund fahren. Mache ich mehr als zwei Beiträge, lohnt sich das schon. Die teure Auslandsüberweisung auf mein hiesiges Konto fiele dann auch weg. Immer dieses stundenlange Ausfüllen des DIN-A4-Formulars, und dann berechnet das deutsche Bankinstitut dir 23 Mark Gebühr, und das bulgarische noch mal 30 DM. Ich könnte also alle paar Monate kommen, dich besuchen, und mit der nötigen Kohle für die nächste Etappe wieder abreisen.

Tja, siehst du, da denkt man: Ganz weit weg, und dann sieht man sich vielleicht auf einmal öfter als vorher, wo man ein paar Dörfer weiter hockte und ganz leicht mal hätte zu Besuch kommen können.

Ach ja, die Andeutungen, die ich gemacht habe wegen dieser ver-rückten Geschichte mit Georgis Cousine, der Nähmaschine und den Kindern, die ab und zu zu hüten ich Gergina angeboten habe – kein Wunder, dass du nicht schlau draus wirst, wie soll ich dir das am Telefon in zwei Minuten verklickern? Auch hier fange ich lieber gar nicht erst an, davon zu schreiben, sonst bin ich morgen noch dran …

Da fällt mir auf: Zum ersten Mal hast du keine blöden Anspielungen gemacht, wie sonst, wenn ich dir Andeutungen wegen ’ner Freundin gemacht habe, sondern scheinst irgendwie … na, ich finde jetzt das richtige Wort nicht, darum mach ich lieber Schluss und sage: Bis bald!

Ich melde mich, wenn ich genau weiß, wann ich fahre.

Für heute nur einen lieben Gruß

von deinem fast schon vorbildlichen

(natürlich nur im Rahmen des Möglichen)

Sohn Georg