Thomas Frahm: Träume sind das Teuerste

Roman, 582 S., Hardcover mit Schutzumschlag, 30 €
ISBN 978-3-929634-87-7 – CHORA Verlag, Duisburg 2020

Das Buch

Nur weil sein Romanistik-Professor eine Bulgarin heiratet, soll Stefan Krings Bulgarisch lernen und nach Bulgarien gehen? Ja, wer denn sonst? Niemand hat weniger Pläne als Stefan, niemand setzt sich unbedarfter dem Neuen aus. Genau so einen brauchen sie. Als der EU-Beitritt Bulgariens naht, soll Stefan für das Belletristik-Imprint des Sprachführer- und Schulbuch Verlages, der die Zeitschrift der beiden finanziert, sogar einen Roman ausfindig machen, der die Wende-Ereignisse kritisch beschreibt. So wird Stefan Übersetzer, und er wird es gern, denn da muss er nicht für eigene Worte geradestehen, sondern bloß für die anderer! Doch warum strengen ihn die intensiven Sprachströme Slav Slavovs, des Romanautors, so an, dass er sich von Kopf bis Fuß taub fühlt? Er beginnt, Streifzüge durch Sofia zu unternehmen, um diese Taubheit abzuschütteln und Beobachtungen zu machen, in denen er wenigstens etwas von sich erkennen könnte. Dabei lernt er eines Abends in Bahnhofsnähe Dunaja kennen, eine Zigeunerin, deren Gottvertrauen ihn so überwältigt, dass er erst in das freie Zimmer des alten Bulgaren zieht, bei dem sie mit ihren Kindern lebt, dann in ein kleines Zigeunerlager am Rande der Stadt. Es wird dramatisch. Stefan, dem eine gescheiterte Jugendliebe nur bestätigt hatte, dass er einer Frau nichts zu bieten hat, muss nun Farbe bekennen, zu Potte und aus der Reserve kommen! Nun wird sein eigenes Leben zur übersetzerischen Herausforderung, und als Übersetzer des Übersetzers fungiert … Slav Slavov, der selbstbewusste, erfolgsverwöhnte, aber auch seines Könnens überdrüssig gewordene Sprachschamane! Als auf dem Weg heraus aus den Nischen seines Schattendaseins auch noch Dunajas jüngere Schwester aufkreuzt, eine Streunerin, die auf ihre Art genauso zwischen allen Stühlen sitzt wie Stefan, da schmilzen die Grenzen zwischen Selbstergreifung und Ergriffensein vollends dahin.

Leseprobe

Der Hauptbahnhof von Sofia

Das Becken, in dem der alte Teil Sofias lag, mit den heißen artesischen Quellen im Zentrum, war umschlossen von zwei Bachläufen, hässlich in Stein und Beton eingemauert, über die Brücken führten mit den beiden Zeichen staatlicher Macht: dem Adler und dem Löwen. Durch die Gebäude, die den Boulevard beiderseits des offenen Vladaja-Kanals säumten, hatte Stefan diese einst natürliche Stadtgrenze im Osten lange Zeit gar nicht wahrgenommen, und auch nicht den sanften Anstieg der Maria-Luisa-Straße, die von der Löwenbrücke hinauf zum Bahnhof führte. Erst nach Jahren, als er begonnen hatte, sich abends nach der Arbeit ein Ziel zu suchen und bewaffnet mit zwei leeren Wasserkanistern von seiner Mietwohnung in Lozenets zu den heißen Quellen zu gehen, war ihm das aufgefallen, und zwar nicht mit den Augen, sondern mit der Haut. Empfindungslos, ja, regelrecht taub geworden von der Anstrengung, das zu Übersetzende möglichst wenig falsch in seine Muttersprache hineinzuschreiben, dauerte es Stunden, bis diese Haut sich in der Bewegung wieder mit Leben füllte. Heißt es nicht, Übersetzen sei eine rein geistige Tätigkeit? Darüber konnte er inzwischen nur lachen! Wenn in der höchsten Konzentration Nerven und Muskeln so angespannt waren, dass es in Anstrengung überging, laugte die Arbeit Stefan so aus, dass ihm erst der Körper weh tat, bis am Ende dies Taubheitsgefühl kalte Watte legte zwischen ihn und die Welt. Das war eine ganz neue Erfahrung von Einsamkeit. Der Blick auf die weinroten Plüschmöbel, die im Wohnzimmer vor der himmelblau gestrichenen Wand mit der verstaubten Wanduhr und der Ikone des heiligen Michael standen, reichte zwar für das Bewusstsein, sich in Raum und Zeit zu beenden; aber war er deshalb schon in der Welt? Als er beim Pinkeln merkte, dass nicht nur seine Finger und Arme taub waren, sondern auch der Zipfel, den sie über die Porzellanschüssel hielten, wusste er, dass er etwas ändern musste. Nein, nichts mit Frauen! An den Versuch, den er neulich unternommen hatte, dachte er nur höchst ungern zurück. Einen so fassungslosen Blick wie den der weiß Gott bemühten Prostituierten, die irgendwann verärgert das Präservativ abgerissen und ihren Versuch, sein Glied zum Stehen zu bringen, ohne fortgesetzt hatte, wollte er nie wieder sehen. Es musste eine neue, unverfängliche Beschäftigung sein, die ihn aus der Unterwerfung unter Texte befreite, die ihm, je besser sie waren, desto mehr Gewalt antaten. Irgendwann fiel ihm auf, dass er, selbst wenn er mit einem ganz bestimmten Ziel das Haus verließ, nie geradewegs darauf zusteuerte, sondern fast immer, durch kleine Beobachtungen gereizt, in Seitenstraßen oder Hinterhöfe ging, als könne er hoffen, dort einen Ausweg zu finden. Das war vielleicht auch der Grund, warum er eines Abends begann, Notizen über das Gesehene zu machen. Eines Abends war er mit seinen zwei Wasserkanistern nach Einbruch der Dämmerung zwischen Hemus- und Hilton-Hotel über die Brücke der Verliebten und am Kulturpalast vorbei Richtung Mineralbad gegangen. Als er an der Moschee nur noch den kleinen Park zu umrunden brauchte, trieb eine innere Stimme ihn an, stattdessen geradeaus weiterzugehen. Was tat sich wohl in den tags so belebten Straßen um Markthallen, Moschee, Synagoge und Frauenmarkt, dieser langgezogenen Nahtstelle zwischen den angestammten Vierteln der Juden und der Türken?

Die alten, rissigen, aber immer noch herrschaftlichen Stuckfassaden der vierstöckigen Häuser auf der Maria-Luisa-Straße mit den verblassten, von Zeit und Luft durchgescheuerten Grün- und Ockertönen wurden zu Gesichtern, die, einmal aus dem Verhör des Lichts entlassen, mit leisem Seufzer von sich zu erzählen begannen. Die groben, großen Löcher im Verputz, hinter denen rotweiß alte Ziegel in Kalkmörtel hervortraten, wurden von der Dämmerung gnädig besänftigt. Schroffe Kontraste schmolzen ineinander und vereinigten sich mit der Luft zu atmenden Hologrammen. Stefan stahl sich am Hotel LION vorbei, so als könnten die angemalten Mädchen mit der Handtaschen, die dort hin und her gingen, ihn dann nicht sehen. Sie sahen ihn natürlich trotzdem. Aber sie hatten gelernt, Männer zu lesen, und ließen ihn unbehelligt vorbei. Auf der Brücke angelangt, richtete er sich wieder auf. Als er auch das zweite Löwenpaar passiert hatte und auf die Gegenfahrbahn des Slivnitsa-Boulevards trat, plumpste er in eine Wanne kalter Luft. Genau hier lag der Knick zwischen Straße und Anstieg zum Bahnhofshügel. Oh, Gänsehautglück: Er spürte wieder. Nicht nur die Kälte, auch die Feuchtigkeit dieser Luft. Er war also wieder verbunden mit der Welt!

An diesem Knick jenseits des Kanals endete das alte Sofia der Gründerzeit. Hier begann die Vorstadt, lag die Siedlung der Arbeiter. Sie waren zwischen den Kriegen vom Land gekommen, um in den aufstrebenden Betrieben der Hauptstadt Arbeit zu finden. Sie wohnten in kleinen, ewig feuchten Häuschen an Straßen, die parallel zur Böschung angelegt und in böser Ironie benannt waren nach Orten glorreicher Siege aus einer Zeit, die verklärt strahlte wie die Sonne vor dem Untergehen. Einige dieser Häuschen waren noch da, aber sie versteckten sich hinter Gebäudekomplexen, die im Sozialismus hier gebaut worden waren. Die wiederum verloren sich in dem, was einst ein Waldstreifen, dann ein Schotterplatz für Überlandbusse gewesen war und heute, nach dem Bau des modernen Busbahnhofs, eine langsam verstrauchende Brachfläche. Dem Bahnhofskomplex näherte man sich von der Seite. Anders als bei den Parteizentralen oder Kulturpalästen, die entweder Schiffen oder Raumschiffen glichen, wurde der Blick des Betrachters auf die Bahnhofshalle weder durch eine lange Gerade vorbereitet noch durch einen offenen Vorplatz gleichsam zum Staunen gezwungen. Die Dimensionen des Bauwerks waren nur dann ganz zu erfassen, wenn man seinen Kopf in den Nacken legte. Diese Halle hier versteckte ihre Höhe so gut, dass es vorsätzlich wirkte. Mit ihrem Flachdach und ihren deutlich über hundert Metern Länge hatte sie etwas von einem Flugzeugträger. Auch das mochte Absicht sein. Im Baujahr, 1974, durfte von oben nichts Gutes mehr kommen – außer dem Kommunismus. Der Prognose Chruschtschows zufolge sollte er im Jahr 1980 in allen Bruderländern der Sowjetunion etwa gleichzeitig Einzug halten und den Sozialismus ablösen.
Auf der Erde gab es aber immer noch viel zu viele Zugverspätungen und viel zu wenige Überlandstraßen. Das Ende der Geschichte konnte nur aus der Luft kommen – wie der Anfang der Geschichte auch. Da war, wenn auch nur die Bibel es überlieferte, eine Taube nach der Sintflut mit einem Ölzweig im Schnabel auf Noahs Arche gelandet. Diese Taube ließ sich als Friedenssymbol und Omen bestens in den sozialistischen Endzeitmythos einbauen.

Auch sonst passte alles: Die Sowjetbrüder waren Pioniere der Weltraumfahrt, die Prognose ruhte also auf gutem wissenschaftlichen Fundament. Das Gute brauchte nicht mehr theologisch, sondern konnte technologisch von oben kommen. Die Fünfjahrespläne, die in diesem Blütejahrzehnt der sozialistischen Welt oft vorzeitig erfüllt wurden, ließen es angeraten erscheinen, die Landeflächen für die Raumgleiter des Kommunismus möglichst schon vor 1980 fertigzustellen.
Die Dimensionen, die Ausmaße der Bahnhofshalle erlebte man erst beim Betreten. Die hölzernen Wartebänke erschienen einem klein wie aus dem Puppenstübchen. Die Fahrkartenschalter im Hintergrund glichen den Einfluglöchern von Bienenkörben. Rolltreppen gingen an der einen Seite hinab in die Unterführung, die zu den Bahnsteigen führte, auf der anderen Seite, vor dem Haupteingang, zu dem Rondell mit dem Brunnen und dem einer Steinflamme gleichenden Obelisken mit der sozialistischen Variante der Pietà.
Als er die Rolltreppen hinunterfuhr, griff Stefan sich an die Gesäßtasche mit dem Portemonnaie. Seine Aufenthaltsgenehmigung, die Ausweiskraft besaß, steckte in der Innentasche seiner Jacke, im Portemonnaie hatte er nur einen Fünf-Leva-Schein und ein paar Stotinki-Münzen. Was genau er am Ende der Rolltreppe erwartete, wusste er selbst nicht. Ein Abenteuer? Sein Herz pochte. Er schaute die runden Zehn-Liter-Plastikkanister prüfend an: Ja, die waren gut als Airbag geeignet, falls dubiose Gestalten mit einem Messer auf ihn zustürzten und drohend zischten: »Geld her!« Aber nichts dergleichen geschah. Unten war es vollkommen still, vollkommen leer. Kein Lichtlein brannte, keine Geschäftsreklame blinkte, kein Augenpaar blitzte aus dem Hinterhalt. War es denn schon so spät? Stefan merkte, dass er über der Arbeit sogar vergessen hatte, welcher Wochentag es war. Er ging um den gekachelten Brunnen herum. Links und rechts gähnten zwischen Betonpfeilern dunkle Löcher. Nicht mal der Himmel hatte noch eine erkennbare Farbe. Er stieß gegen leere Zigarettenschachteln, Tüten und Einschlagpapier. Nein, kein Abenteuer. Nur die Angst dessen, der kein Gegenüber hat. Gänsehaut, kalter Lufthauch. Nur raus aus diesem Loch!
Oben an der Straße war er fast glücklich, als ein Auto vorüberfuhr. Ein Auto, in dem ein lachendes Pärchen saß und mit Zigaretten in der Hand gestikulierte. Er überquerte die Hauptstraße Richtung Boulevard Hristo Botev. Auch der lag verlassen da. Schwaches Laternenlicht erhellte ihn. Vorn, am rechten Straßenrand, auf Höhe des Parks ALGIER, standen ein paar letzte Taxis. Als er den Park mit seinen Pavillons, Spielgeräten und Wildtieren aus Beton passiert hatte, sah er eine Frau. Sie stand einfach da. Sie rauchte nicht, schaute sich nicht um. Sie hielt nur mit einer Hand den Träger ihrer geschulterten Handtasche fest. Da der Bürgersteig wegen der Bäume verengt war, musste er dicht an ihr vorbei.
»Zdravej«, sagte eine Altstimme, als handele es sich um ein Wiedersehen.
Stefan drehte sich um.
»Kennen wir uns?«
»Ich habe dich schon oft gesehen. Immer mit zwei Wasserkanistern wie jetzt.«
Ihr Lächeln sah apart aus in dem herben Gesicht mit der geraden, aber nicht zu großen Nase, den wie gemeißelt wirkenden, kräftigen Lippen, die beim Lächeln die Form einer gespannten Armbrust hatten, den dichten Augenbrauen, die in der Mitte fast zusammenwuchsen, und den beinahe runden Augen. Auch die Zähne waren stark, aber nicht übermäßig groß.
»Ja, ich hole mir abends nach der Arbeit Wasser am Mineralbad.«
»Wo wohnst du denn?«
»In Lozenets.«
»Lozenets? Aber das ist doch in der anderen Richtung. Da gehst du aber einen großen Umweg.«
»Ja.«
»Und immer so allein?«
Stefan zuckte wortlos die Achseln.
»Lad mich doch mal zu dir ein, nur allein sein ist nicht gut für den Menschen.«
»Ich überleg’s mir.«
»Sollen wir uns nicht schon mal etwas kennenlernen?«
»Wie meinst du?«
»Na, was Männer so zur Entspannung brauchen.«
»Ach so, hm. Bin leider zu müde heute.«
»Und ich hab keine Zigaretten mehr und muss den Kindern noch Essen kaufen. Vorher kann ich hier
nicht weg.«
»Stehst du immer hier?«
»Nein, sonst bin ich immer am Bahnhof. Meist oben an dem Grünstreifen. Manchmal auch unten am
Brunnen.«
»Da komme ich gerade her. Nicht eine Menschenseele.«
»Ja, die Polizei hat heute Razzia gemacht und alles geräumt. Alle Junkies, alle Mädchen, die nicht rechtzeitig verduftet sind, verbringen diese Nacht in der Arrestzelle. Sie dürfen uns vierundzwanzig Stunden ohne Grund einsperren – ›zur Überprüfung‹, sagen sie. Mich haben sie rechtzeitig gewarnt. Aber ich kann doch ohne Geld nicht nach Haus. Darum habe ich mich erst versteckt, bis es dunkel und der Schutzgeld-Kassierer vorbei war, und jetzt steh ich eben hier. Können wir nicht irgendwas machen?«
Der Ton der Frau, der lange ausgesprochen höflich und ruhig gewesen war, hatte sich bei dieser knappen Schilderung mit etwas wie Lava gefüllt und war inbrünstig geworden. Stefan erwartete, dass bald Rauch aus der Frau aufstieg. Die Augen glühten schon.
»Wie heißt du denn«, fragte er, als ob das etwas änderte.
»Janina, und du?«
»Ich? Stefan.«
»Bist ein guter Mensch, Stefan.«
»Woher willst du das wissen?«
»Hättest sonst schon geflucht und wärst gegangen.«
Stefan horchte auf. Lächelnd zog er sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche.
»Ja, ohne Menschen wie dich wüsste man nur die Hälfte über sich.«
Statt einer Antwort nickte die Frau schwer. Ihre Lippen waren nun geschlossen, dafür lachten ihre
Augen.
»Da«, sagte Stefan und hielt ihr den Fünf-Leva-Schein hin. »Mehr hab ich nicht. Aber für ein paar lose
Zigaretten, ein Brot und Margarine reicht es.«
»Gott schütze dich, Stefan.«
»Dich auch, Ja…«
»Janina. Merk dir den Namen.«
»Warum?«
»Damit du mich rufen kannst.«
»Dazu müssten wir uns ja erst einmal wiederbegegnen.«
»Das werden wir.« Ihr Nicken sah aus wie der Holzhammer, mit dem Richter ihr Urteil sprechen.