Evelina Jecker Lambreva: Bulgarischer Reigen

Fünf Erzählungen

166 S., geb. mit Schutzumschlag, 22,– € / 27 SFr, ISBN 978-3- 929634-81- 5

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Die Geschichten des Bandes:

Die Geißenfrau
Der kleine Dudelsackspieler
Vatermord
Zinka
Osterkinder

 

Das Buch

Bulgarischer Reigen – Tanzende fassen sich an der Hand, bewegen sich in Windungen voran… So auch diese Erzählungen, die in quicklebendiger Sprache durch Bulgarien tanzen. Berufstätige Ehepartner aus der Donaustadt Ruse sorgen sich um die eigensinnige Mutter, die bei ihren Tieren auf dem Dorf bleiben will, aber gesundheitlich gar nicht mehr dazu in der Lage ist – und die Leute reden schon! Pensionäre treffen sich zwei Mal pro Woche auf einem Kinderspielplatz in Varna, um echte Milch vom Erzeuger zu kaufen, und kennen längst die Lebensgeschichten der anderen. Der kleine Dudelsackspieler lässt sie auf einmal ihre Missgunst vergessen, bis … auch er auswandert. Romamädchen Zinka kommt in einem Städtchen bei Gabrovo an den Tisch einer Exil-Bulgarin und ihrer neuen Familie, und während bei allen die Warnlampen angehen, dass hier wieder ein Kind zum Betteln und Stehlen geschickt wurde, will Zinka etwas ganz Anderes. Geschildert werden Konflikte zwischen Stadt und Land. Die soziale Kontrolle dort kann aber im Notfall auch Leben retten – wie in der Erzählung Osterkinder. In Vatermord entzünden sich Generationenkonflikte am Umgang mit dem Erbe des Sozialismus, dem ein ebenso beklemmender neoliberaler Wandel, gesteuert vom selben Personal, folgt.

 

Die Autorin

Evelina Jecker Lambreva, geboren 1963 in Stara Zagora, Bulgarien, arbeitet als niedergelassene Psychiaterin in Luzern und als Klinische Dozentin an der Universität Zürich. Sie publizierte Lyrik, Prosa und Kritik in bulgarischer und deutscher Sprache. 2014 erschien im Braumüller Verlag, Wien ihr vielgelobter Roman Vaters Land, 2016 folgte im gleichen Verlag Nicht mehr, eine brillante Romanstudie über die Folgen des inhumanen Leistungsdrucks in der heutigen Geschäfts- und Finanzwelt der westlichen Gesellschaft. Bei CHORA erschien 2015 eine zweisprachige Sammlung ihrer Gedichte unter dem Titel Niemandes Spiegel.

 

Rezensionen:

• Besprechungs-Blog Inkultura:

Die Prosa von Evelina Jecker Lambreva kreist nicht zuletzt um das Spannungsfeld von Vergangenheitsbewältigung und Neuanfang. Die jetzt veröffentlichten fünf Erzählungen der in Bulgarien geborenen und aktuell in der Schweiz lebenden und arbeitenden Autorin sind ebenfalls wieder Momentaufnahmen des alltäglichen, für die Protagonisten jedoch niemals banalen Lebens. Geschichte und Gegenwart begegnen sich spätestens dann, wenn eine Störung auftaucht, wenn ein Ereignis eintritt, das den aktuellen Moment im Rückgriff auf persönlich Erlebtes, auf individuelle Vergangenheit fragil werden lässt.

Nichts spiegelt das Aufeinandertreffen des Gestern mit dem Heute besser als der Generationenkonflikt, der eintritt, wenn das, was allgemein als Fortschritt, als Symbol einer neuen, vermeintlich besseren Zeit in das längst bewährte und selbst bestimmte Leben eines Individuums einbricht.

Ob es, wie in „Die Geißenfrau“ das Ringen um persönliche Freiheit nach langen Jahren der Diktatur ist oder, wie in „Der kleine Dudelsackspieler“, es sich um das Aufbrechen alter Ressentiments handelt, stets ist es – dramatisch erzählt in „Vatermord“ und Vorurteile demaskierend in „Zinka“, aber auch das ganz normale ländliche Leben Bulgariens illustrierend in „Osterkinder“, der Moment des Einbruchs der Realität, des unmittelbaren Moments, der für die Störung einer Normalität verantwortlich ist, hinter der es sich vortrefflich abschotten lässt vor unbequemen Tatsachen – das literarische Können der Autorin, dies in ruhiger und abgeklärter, niemals aufdringlicher Diktion zu beschreiben.

„Bulgarischer Reigen“ erzählt, typisch für Evelina Jecker Lambreva, mit ausdrucksstarken Bildern Geschichten über bulgarisches Leben, das sich, nicht negativ verstanden, immer noch im Prozess der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit befindet.

(Michael Kreisel)

Link zur Besprechung:

http://www.inkultura-online.de/bul_rei.html

 

• Luzerner Zeitung, 16. April 2018

Das konfliktreiche Leben in einer Blackbox Europas

LITERATUR ⋅ Bulgarien gehört zu den Ländern Europas, von denen man bei uns im Westen mit am wenigsten weiss. Die Luzernerin Evelina Jecker Lambreva erzählt aus ihrem Heimatland und geht sehr nahe an die Menschen heran.

Blaga war jahrelang Chefärztin in einer Stadt. Längst ist sie pensioniert und lebt mit Geissen und anderen Tieren auf einem Hof. Diese sind ihr Ein und Alles. Doch ihre Tochter möchte, dass die weit über 80-Jährige wieder in die Stadt zieht, weil sie ihr ein eigenständiges Leben auf dem Land nicht mehr zutraut. Blaga weigert sich, den Hof und vor allem die Tiere aufzugeben, es kommt zum heftigen Konflikt mit der Tochter. Da bringt ein unerwartetes Ereignis die Entscheidung.

Blaga ist die Protagonistin in einer der fünf Erzählungen, die Evelina Jecker Lambreva in ih­rem neuen Buch versammelt. Die 54-jährige gebürtige Bulgarin ist Psychiaterin, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Luzern.

In einer weiteren Story versammeln sich zweimal die Woche ältere Menschen in Reih und Glied, um eine Portion Milch zu erstehen. Anhand ihrer unterschiedlichen Vergangenheiten und Blickwinkel auf die Politik geraten sie ständig in Streit. Eines Tages taucht ein junger Dudelsackbläser auf und verzaubert alle mit seiner Musik. Für eine gewisse Zeit kehrt Frieden ein.

Kommunismus und Liberalisierung im Clinch

Generationen und Geschichte prägen auch in der dritten Story. Ein alter Mann, der von den Neureichen nach der Wende Schlimmes erlebt hat, verzweifelt an seinem Sohn, der sich um des Erfolgs willen gerade mit diesen Neureichen einlässt. Die vierte Story thematisiert die Kultur der Roma in Bulgarien mit ihrer Diskriminierung, aber auch eigenen negativen Seiten. Doch ein kleines Roma-Mädchen, das nur scheinbar um Essen bettelt, verhält sich wider alle Klischees. Die fünfte Geschichte zeigt die beengende soziale Kontrolle auf dem Land. Die positive Kehrseite davon, die Solidarität, zeigt sich, als eine ungewollt schwangere Mutter vor der Entbindung steht.

Es gelingt Evelina Jecker Lambreva, viel über Bulgarien zu vermitteln, über das Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, zwischen dem die Gesellschaft immer noch prägenden früheren Kommunismus und der kapitalistischen Liberalisierung und den auch daraus entstehenden Generationenkonflikten.

Die Geschichten haben öfter längere erklärende Passagen, etwa zur Situation der Roma. Und zuweilen dominieren alltägliche Ereignisse, was indes zum Konzept gehört. Trotz des Dokumentarischen schafft es die Autorin, mit einer sorgfältigen Sprache und starken Textenden, im Bereich des Literarischen zu bleiben.

Arno Renggli

 

 

 

Leseprobe (aus: Der kleine Dudelsackspieler)

Der Sonnenaufgang glitzert über dem Schwarzen Meer, streckt seine Fühler aus, gleitet über die Bucht, den Sand-strand … Varna erwacht. Von den Dächern begrüßen Sil-ber- und Lachmöwen mit krächzendem Gelächter den neuen Tag. Im Meeresuferpark rennen die ersten Jogger los. Streunende Hunde kriechen verschlafen aus ihrem Ge-büsch. Unten am Strand klappen braun gebrannte Bademeister die Sonnenschirme auf, die Urlauber gähnen noch in ihren Betten. Auf den Balkonen hängen Hausfrauen eine erste Ladung Wäsche auf, aus den Bäckereien dringt der Duft von frischem Brot. Im Stadtzentrum schieben mun-tere Ladenbesitzer die knarrenden Blechläden hoch. Ein paar Frühaufsteher bestellen in den Straßencafés ihren Morgenkaffee und öffnen die Tageszeitung. Vor der Ka-thedrale machen sich die üblichen Händler mit ihren kunterbunten Souvenirständen breit, einer nach dem anderen parken die Taxifahrer ihre Wagen auf der Piazza. Frisch rasiert besteigen emsige Geschäftsleute ihre Luxuslimou-sinen, Lieferwagen sausen los und schlängeln sich akrobatisch durch die zerschlagenen, zugeparkten Straßen. Es wird gehupt, geflucht, gelärmt und gedroht. Die Großstadt versinkt in ihrer sommerlichen Freitagshektik.
In einem der Plattenbauviertel, nicht weit vom Stadt-zentrum entfernt, versammeln sich seit einigen Wochen ältere Menschen auf dem ehemaligen Kinderspielplatz zwischen zwei Mietshäusern. Sie schleppen sich langsam zu den Sitzbänken, setzen sich schweigend so weit wie möglich voneinander entfernt darauf und – sagen nichts. Jeder beobachtet scharf, wer nach wem gekommen ist: Es soll nur ja keiner wagen, sich in der Warteschlange für die frische Milch vorzudrängen, nur weil er glaubt, er könne die anderen für dumm verkaufen. So weit kommt es noch!
Dienstags und freitags kommt gegen neun Uhr morgens ein kleiner offener Lieferwagen, beladen mit Harassen frischer Kuhmilch. Die Rentner geben dem Bauern, der seine Milch aus einem nahegelegenen Dorf in die Stadt fährt, um sie dort schwarz zu verkaufen, leere Zweiliter-Plastikflaschen mit und bekommen sie gefüllt zurück. Die Milch des Bauers kostet wenig und ist naturrein, nicht so künstlich wie diese neuerfundene aus koreanischem Milchpulver, die überall in den Läden angeboten wird. Wenn die Rentner sich dann auch noch ihr Brot von der Bäckerei geholt haben, ist das Mittagessen mit dem Milchbrocken gesichert und alle freuen sich, den Tag so preisgünstig be-gonnen zu haben. Der Bauer ist ebenfalls zufrieden, denn er bekommt von den Rentnern mehr Geld für seine Ware, als wenn er sie der Molkerei anböte. Nur muss er sich beim Verkauf beeilen: seine Milch ist von der Lebensmittelaufsicht nicht kontrolliert, und wenn er erwischt wird, kommt ihn das teuer zu stehen. Den kleinen Rest seiner Milch schüttet er großzügig auf dem Kinderspielplatz für die streunenden Katzen aus, die inzwischen dienstags- und freitagsmorgens immer schon um den Spielplatz herumschleichen und auf
die Gratismahlzeit warten.
Als erster erscheint auch heute wieder um punkt halb acht Uhr der alte Oberst. Er schaut sich auf dem zertrümmerten Kinderspielplatz um und schnalzt mit der Zunge. Es gibt kaum mehr eine Sitzbank, die noch nicht zerstört wäre. Seine Lieblingspartei hat vor etwa vier Jahren im Wahlkampf den Kinderspielplatz renoviert, ihn mit neuen Bänken ausgestattet und jede Bank mit einem Schild versehen, auf dem Ein Geschenk der BSP steht. Nun sind die Schilder weg, die Bänke demoliert und wacklig wie die vier Zähne, die er noch im Mund hat. »Das Volk neigt immer mehr zu Vandalismus; es braucht endlich eine starke Hand im Lande«, murmelt er und hinkt zu jener Bank, die ihm die beste Aussicht auf die Nebenstraßen zwischen den Wohnblöcken bietet. So kann er ungestört beobachten, was die Leute draußen tun, und wer von den Wartenden nach ihm an die Reihe kommt.
Eine Katze schläft friedlich in der Morgensonne auf der Bank, zwei weitere liegen unten auf dem warmen Zement-boden. »Psssssst, psssst! Weg von hier, ihr Biester!«, ruft der Oberst laut und hebt drohend seinen Spazierstock, um die Katzen zu vertreiben. »Psssst, weg!« Er verachtet herrenlose Katzen, überhaupt verachtet er alle Tiere, die keine Nutztiere sind. Die Katzen springen im Nu davon und der alte Mann setzt sich vorsichtig auf den stabileren Randteil der Bank im Schatten einer Linde.
Aus den Wohnblöcken eilen Menschen heraus, setzen sich in ihre vor den Häusern geparkten Gebrauchtwagen und fahren los. »Jetzt parken sie ihre Autos schon auf dem Trottoir«, schimpft der Oberst weiter. »Als Fußgänger kommt man vor lauter Blechkisten kaum noch zwischen den Häusern durch, – auch da braucht es eine starke Hand, die Ordnung schafft!« Ordnung ist für ihn nicht das halbe, sondern das ganze Leben, aber ihn fragt ja keiner mehr. Dabei hat er vierzig Jahre lang durch systematisches Stra-fen tausende von Rekruten strikt zu Ordnung und Gehorsam erzogen und so richtige Männer aus ihnen gemacht. Aus dem Plattenbauhochhaus vis-à- vis führt ein Hundebesitzer gerade seinen Cockerspaniel zum morgendlichen Spaziergang. Der Hund schnüffelt um die Bäume vor dem Hauseingang herum, hebt das Hinterbein hoch und pinkelt an den erstbesten Baumstamm. Einen Hund in der Wohnung zu halten, das kann der alte Oberst überhaupt nicht verstehen. Ein Hund gehört aufs Land – als Hofwächter. In der Stadt ist er fehl am Platz, zu nichts zu gebrauchen. Ja, ein Stadthund ist nichts als sinnlose Spielerei.
Er schaut sich wieder um und erkennt zwei der Frauen, die wie er regelmäßig um Milch anstehen. Sie erscheinen gleichzeitig in den Eingangstüren ihrer benachbarten Wohnhäuser und eilen zum Kinderspielplatz. Der Oberst ist gespannt, welche der beiden wohl als erste das Ziel erreicht. Die eine ist klein und mollig. Sie trägt immer schwarze Kleider und hat auf ihrer fleischigen Nase eine Warze, die so groß ist, dass sie wie eine zweite Nase aussieht. Darum nennt der Oberst sie insgeheim »das Zweinasenweib«. Das Zweinasenweib verkauft Andachtskerzen in der Kathedra-le von Varna und wohnt mit ihrer Schwester zusammen. Beide sind schon lange verwitwet. Sie haben Haus und Hof auf dem Land an der Schwarzmeerküste neulich zum Verkauf angeboten. Jetzt hoffen sie auf pensionierte Ehe-paare aus England mit genug Geld. Man hört, dass das Zweinasenweib Streit mit allen Parteien in ihrem Wohnblock hat. Begonnen habe er im vorletzten Frühling. Da habe es auf einmal durchs Dach des neugebauten Appartementhauses in ihre Wohnung hineingeregnet. Eines Morgens seien die beiden Schwestern durch Ströme von Was-ser, die sich von der Decke her auf ihre Betten ergossen, geweckt worden. In heller Panik seien sie aufgesprungen und hätten ihre Söhne zu Hilfe gerufen. Die Söhne kamen und brachten gleich eine ganze Mannschaft Dachdecker mit. Als diese das Dach untersucht hatten, schüttelten sie empört die Köpfe und sagten, beim Bau sei das Dach gar nicht richtig isoliert worden! Bei schweren Regenfällen werde es daher undicht. Die Dachdecker machten sich sofort an die Arbeit. Die beiden Schwestern zogen vorübergehend zu ihren Söhnen. Am Schluss – so jedenfalls mun- kelte man im Viertel – hätten die Kerzenverkäuferin und ihre Schwester alles allein bezahlen müssen, die ganze Ar-beit und auch die Materialien für das Dach. Als sie von den anderen Wohnparteien verlangten, sich an den Reparaturkosten zu beteiligen, weigerten die sich. Es interessiere sie nicht, was da im obersten Stock geschehe, ihnen regne es nicht in die Wohnungen hinein. Die Dachreparatur, hätten die Parteien gesagt, sei eine private Angelegenheit der beiden Schwestern. Nicht einmal ihre unmittelbaren Nachbarn vom letzten Stock hätten ihnen etwas geben wollen. Die Schwester des Zweinasenweibs sei unermüdlich von der einen Institution zur anderen gerannt, um mit Erlässen und Gesetzesparagraphen die Rechte und Pflichten der Wohnparteien hinsichtlich der gemeinschaftlich genutzten Flächen im Haus zu belegen. Es half alles nichts! Das Zweinasenweib schreibe seither jeden Monat Zahlungsaufforderungen an ihre Mitbewohner. Im Treppenhaus, erzählten die Klatschweiber des Viertels, gebe es bei fast jeder Begegnung mit der Kerzenverkäuferin und ihrer Schwester Krach. Die andere sich nähernde Frau ist eine alte Verkäuferin für Damenkonfektion, die der Oberst seit Jahrzehnten kennt. Früher nämlich, als man solche Güter nur durch Beziehungen und dann auch nur unter dem Ladentisch bekam, hatte sie seine Frau regelmäßig mit luxuriöser griechischer Damenwäsche versorgt. Seine Beziehungen trug der Oberst mittels der Schulterstücke seiner Uniform zur Schau, auf denen je drei große Silbersterne prangten. Es genügte, wenn er im Kleiderladen erschien und sich lächelnd in Paradehaltung warf. »Ach, Genosse Oberst, wie schön, dass Sie vorbeikommen«, strahlte ihn die Verkäuferin an, verließ die auf Damenwäsche wartende Frauenschlange und verschwand mit dem Genossen Oberst ins Lager, um für die Genossin Oberst in einer braunen Papiertüte ein paar feine Spitzen-BHs, Unterröcke und schicke Damenslips zusammenzulegen …
Als sie noch jung war, sah sie aus wie ein Schwan. Sie hatte kurze Beine, einen wackelnden, breiten Hintern und einen langen Hals, auf dem ein schöner schwarzhaariger Kopf saß. Der Oberst nannte sie daher seit vielen Jahren »die Schwanenfrau«. Jetzt aber war sie zusammengeschrumpft und faltig geworden. »Die Zeit ist gnadenlos, die Zeit verzeiht niemandem«, blubbert er vor sich hin. Nachdem ihr Mann bei einem Autounfall tödlich verunglückt war, alterte die Frau auf einmal ganz schnell. Sie begann, Tischdecken aus Spitze zu häkeln, um sie auf dem kleinen Handarbeitsmarkt im Park hinter der Kathedrale an Touristen zu verkaufen. Der Oberst hatte sie zufällig bei einem Spaziergang dort gesehen. Vielleicht hoffte sie, unter den Touristen einem neuen Mann zu begegnen und wieder zu heiraten, ver-mutete der Oberst. Die Schwanenfrau war schon immer eine der neugierigsten im Viertel gewesen. Sie wusste und weiß stets alles über jeden und erzählt die Neuigkeiten im-mer sofort weiter. Ihr Sohn ist inzwischen geschieden, vielleicht, weil er Seemann ist und ständig auf den Weltmeeren unterwegs. Sie wohnt mit ihrem fünfundzwanzigjährigen Enkel zusammen. Der Enkel ist Computerfachmann bei einem Internetanbieter, ein Schönling ist er, wie sein Vater und seine Groß-mutter auch.
Die Schwanenfrau kommt als erste am Kinderspielplatz an. Der Oberst schaut weg und wartet, ob sie ihn begrüßt. Sie aber scheint ihn nicht sehen zu wollen und setzt sich auf die hinterste Bank, zwischen die Jasminsträucher. Heute wirkt sie unwirsch. Vielleicht hat ihr Enkel wieder Ärger mit seinem Chef wegen des Lohns, sinniert der Oberst. Der Chef sei einer, der seinen schwarzen Maserati parke, wo er nur wolle, und der weder Bußgelder zahlen müsse noch je abgeschleppt werde. Er habe sämtliche ein-flussreichen Beamten, Dutzende von Polizisten und alle Mitarbeiter des Abschleppdienstes zum Schweigen gebracht, indem er ihnen kostenlose Fernseh- und Internetnutzung gewährte. Interessant sei die Entlohnungsweise seiner Mitarbeiter: Im Arbeitsvertrag trage er nur die Hälfte des mündlich abgemachten Gehalts ein, die andere Hälfte gebe der Kerl ihrem Enkel unter der Hand. So müsse er weniger an Lohnsteuern und Sozialversicherungen zahlen. Die Angestellten seien damit einverstanden, denn auch sie würden so Steuern sparen. Wehe aber, wenn der Mitarbei-ter etwas falsch gemacht habe. Da werde ihm Geld abgezogen, und zwar vom inoffiziellen Teil des Lohnes, em-pörte sich die Schwanenfrau einmal. Ihr Enkel werde von diesem Sauhund regelmäßig und grundlos irgendwelcher Fehler bezichtigt, sodass er keinen Monat den vollen abgemachten Lohn bekomme. Wenn die Großmutter bereits am frühen Morgen so unwirsch erscheint: Ob »der Sauhund« dem Jungen nun gekündigt hatte?