Vladimir Zarev: Wenn dies die Zeit ist

Lyrik. Prosa. Publizistik.

140 S., Hardcover mit Schutzumschlag, 19,– €
Mit einer Bibliographie aller deutschsprachigen Veröffentlichungen von und über den Autor und aller ermittelbaren bulgarischen Originalausgaben.
ISBN 978-3-929634-85-3
CHORA Verlag, Duisburg 2019

 

Das Buch

2019 feierte Vladimir Zarev sein fünfzigstes Publikationsjubiläum. Das ist nicht nur als Zeitspanne bemerkenswert. Nein, bemerkenswert ist es auch, weil Zarev zu den ganz wenigen Autoren gehört, die ihre vor der Wende geschriebenen Bücher unverändert neu herausgeben können. Zu einer Zeit, in der viele Autoren im »grauen Strom« mitschwammen, gab Zarev eine Mikroanalyse der Machtstrukturen Bulgariens: Er beschrieb, wie Macht, sobald etwas von ihr besetzbar wird, jeden Menschen durchdringt und verändert. So kommt es, dass der Autor nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, sobald die Verhältnisse ihm das rein wirtschaftlich wieder erlaubten, sein Werk einfach nur fortzusetzen brauchte. Und das tut er mit unverändertem Streben nach Abarbeitung der brennenden Fragen seines Landes.
Dies Lesebuch will daher nicht platt Zeitspanne abbilden, sondern geistige Spannweite zeigen: Von der weitgehend unpolitischen Lyrik des Zwanzigjährigen über die von stupendem Realismus geprägten historischen Romane bis zu seinen großen, sozialpsychologisch durchdringenden Gesellschaftsromanen.
Essays und publizistische Einlassungen zu den Lebensthemen Zarevs runden den Band ab.

Inhalt

Lyrik
Wenn dies die Zeit ist (1969)
Auszüge aus den Romanen
Das Ungeheuer (2019)
Adlerbrücke (2015)
Welten (2005)
Der Pope Bogomil (2000)
Sommer 1850 (1988)

Publizistik
Wort, Gedächtnis und Macht (2010)
Ein Bulgare in Europa (2008)
Ein offener Brief (2007)
Macht und Selbstzensur (2007)
Auf dem Zentralfriedhof von Sofia (2007)

 

Leseprobe aus: Das Ungeheuer (Roman, 2019)

In der siebten Klasse, plötzlich und unerwartet, glaubte Simeon eine ganze Stunde lang an den Kommunismus. Dieser Glaube war so hingebungsvoll wie der eines Kindes an den geheimnisvollen Weihnachtsmann. Erst viel später sollte Simeon dem ver-blüffenden Paradoxon auf die Spur kommen, dass eine Behaup-tung unsere Phantasie umso leichter überwältigt und desto hefti-ger beschäftigt, je unwahrscheinlicher sie ist. Je unrealisierbarer sie ist, desto bereitwilliger und naiver glaubt der Mensch an sie …

Die Sache ergab sich zufällig – an einem Tag im Mai, an dem er grübelte, wie er sich vor der Mathematikstunde drücken konnte. Er fürchtete, an die Tafel gerufen und geprüft zu werden und dabei sein »Gut« nicht halten zu können. Voller schlechten Ge-wissens und schwitzend vor Aufregung klopfte er an die Tür der Schulärztin. Das war eine ältere, ledig gebliebene Frau, die ihren Kittel bis zum Platzen ausfüllte. Er sagte, er fühle sich schlecht und habe Halsschmerzen. Die Ärztin untersuchte ihn flüchtig, maß seine Temperatur und hörte mit dem Stethoskop seine Brust ab. Simeon atmete mal tief, dann wieder flach, hielt die Luft an – wie sie es ihm sagte. Dabei starrte er wie hypnotisiert auf den Flaum über ihrer Oberlippe. Als habe das sie wütend gemacht, schimpfte sie mit Altstimme: »Nichts hast du! Ab in die Klasse!«

Doch o Wunder: Die Stunde fiel aus! Alle Schüler der siebten und achten Klassen wurden in die stehende Hitze der Turnhalle beordert, wo der Genosse Ivan Ivanov vom Bezirkskomitee der Kommunistischen Partei eine Rede über die Besonderheiten des Kommunismus’ halten sollte, der, laut dem großen Friedensbringer und Anführer des sozialistischen Lagers Nikita Chrusch-tschow, bereits an die Türen klopfe und etwa im Jahr 1980 alle Bruderländer gleichzeitig betreten werde.

Schon dass die Mathematikstunde ausfiel, genügte, um Simeon diese Rede mit Erleichterung aufnehmen zu lassen; doch was sich in den nächsten Minuten ereignete, war mehr; es war eine spon-tane Unterwerfung, umso unerklärlicher, als der Redner seinem Allerweltsnamen alle Ehre machte und völlig unscheinbar war. Seine Stimme klang hell und überschlug sich an den drama-tischsten Stellen seiner Rede hysterisch. Er gestikulierte zwar wild, aber so übertrieben, dass es wirkte wie eine schamanistische Kulthandlung für Touristen. Der Redner mochte um die dreißig Jahre alt sein und trug einen aus der Mode gekommenen Anzug in verblasstem Waidmannsgrünbraun. Sein Pfannkuchengesicht war so übersät mit Pickeln und Pusteln, als käme seine ganze revolutionäre Emphase durch die Haut. Die war blass, leuchtete aber magisch im Scheine einer Begeisterung, die so unerschüt-terlich für das Richtige eintrat, dass sie automatisch alle, die das nicht taten, verurteilte. Zufällig litt Simeon damals selbst unter Akne. Er trank täglich aufgelöste Bierhefe, um sein Blut zu reinigen, und kaufte beim Humpelgott, dem Schneidermeister seines Wohnviertels, eine Wundertinktur, die nach dem Auftragen weiß gerann und die Pickel verbrannte, – bis sich einige Stunden später auf Stirn und Wangen neue bildeten.

Die schwüle Luft roch inzwischen scharf nach Schweiß und Gummi-Turnschuhen. Die Siebt- und Achtklässler standen auf-gereiht unter den Basketballkörben und vor der Sprossenwand, sie umgaben den Barren, das Pferd und den Bock. Tauben flat-terten und gurrten vor den mit Draht vergitterten Oberlichtern, Symbole der Freiheit und des Friedens. Alle standen sichtlich gelangweilt da. Vermutlich waren nur Simeon die beschwörenden Worte des Genossen Ivanov nicht gleichgültig und er versuchte, ihren Sinn zu ergründen. Auf einmal bemerkte er, dass der Genosse Ivanov andauernd auf seine Armbanduhr schaute, doch nicht, um zu sehen, wie spät es war, sondern um zu zeigen, dass er eine hatte, und zwar eine teure, fast legendäre sowjetische Poljot. Im Kommunismus, sagte er, würden alle Menschen lächeln, erfüllt von ihrer Bedeutung und ihrem schöpferischem Enthusiasmus. Sie würden gesund sein, glücklich und vor allem herrlich gleich. Im Sozialismus, stellte Genosse Ivanov feurig dar, gelte noch die Parole »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung«; im Kommunismus aber werde sie sich gewan-delt haben in »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen«. Dies Merkmal des Kommunismus sprengte Sime-ons Vorstellungskraft und schlug ihn vollkommen in ihren Bann.

Noch in dem stickigen, nach Schweiß und zurückgehaltener Vitalität riechenden Turnsaal stellte er sich vor, wie die Fuhrleute, die auf ihren knarrenden Holzwagen Kohle aus den Lagern am Perlova-Kanal ausfuhren, diese kostenlos abgeben, sie lächelnd auf dem Gehweg vor den Kellerfenstern der Menschen abladen würden, und ihre abgemagerten, sauer riechenden Zugpferde hät-ten nicht mehr die schwärenden Wunden unzähliger Peitschen-hiebe auf dem Rücken, sondern heiles, glänzendes Fell und stets volle Säcke mit Hafer. Immer wenn er diese Schindmähren sah, flößten sie ihm zugleich Angst, Ekel und solchen Schmerz ein, dass er sich abwenden musste, um nicht länger die abwesenden, todmüden, leiderfüllten Augen der Tiere sehen zu müssen.

Im Kommunismus würde auch der Scherenschleifer, ein alter Mann mit tränenden Augen und stets verbundener Hand, der einmal wöchentlich in ihrer Straße seinen Schleifstein aufstellte, alle Messer und Scheren, die ihm gebracht wurden, kostenlos schärfen. Simeon sah ihm gern dabei zu, wie der Alte mit dem Pedal über einen Riemen das Schwungrad in Bewegung setzte, bis von der Schmirgelfläche beim Auflegen der Klingen ganze Funkengarben sprühten. Ein raues Zischen begleitete es, die Luft roch wie vor einem Gewitter scharf nach Ozon.

Im Kommunismus würde auch der Trödler, ein Zigeuner, der abends durch seine Straße ging, der einen dicken Kropf am Hals hatte und beim Lachen einen Goldzahn und mehrere Blech-zähne enthüllte, nicht mehr langgezogen rufen müssen: »Kaufe Tröödelll!«, sondern munter lächelnd seinen großen Wundersack schwenken und beinahe singend verkünden: »Verschenke Trööödel!«

Simeon dachte auch an den anderen Zigeuner, der etwas von einem Zauberer an sich hatte. Einmal im Monat kam er in ihren Hof, grub ein Loch und entfachte darin ein Holzkohlenfeuer. Die Frauen aus dem Viertel eilten herbei und brachten ihm ihre alten, von den Großmüttern ererbten Kupfergefäße, die Grünspan angesetzt hatten. Er schaute sie sich an, klopfte sorgsam die Dellen aus dem Boden, erhitzte sie, rieb sie mit Salmiak ein und warf schließlich einen Klumpen Zinn hinein. Das Zinn wurde heiß, und wenn es sich zur zitternden Kugel gerundet hatte, verrieb der Kesselflicker es mit erloschener Zigarette im Mundwinkel und zusammengekniffenen Augen auf der Innenseite des Gefäßes, bis sich sein gedankenschweres Gesicht darin spiegelte und lebendige Lichtreflexe in der Sonne blitzten.

Aber was ist, fragte sich Simeon, was ist mit den Kindern im Kommunismus? Mit Jungen wie ihm? Wahrscheinlich würden sie Zinnsoldaten bekommen, so viel sie für ihre Armee brauchten: Fußtruppen, Artilleristen, Kavalleristen und natürlich genügend feindliche Indianer. Dazu Murmeln in allen Farben. Für den Sommer einen echten Lederfußball, für den Winter einen zwei Meter langen Bobschlitten mit echter Lenkvorrichtung und beweglichen Vorderkufen. Ja, und Armbanduhren für alle! Der Kommunismus würde jedem Kind eine echte Poljot bescheren, wie Genosse Ivanov sie trug. Wohin ein Kind auch ging, dachte Simeon begeistert, es würde Tag und Nacht einfach nur auf seine Uhr zu schauen brauchen, und schon wüsste es, was die Stunde geschlagen hat.

Genau das tat jetzt die Schulglocke. Die fünfte, die Mathema-tikstunde, war also glücklich überstanden. Und hatte der Genosse Ivanov zuvor nur flüchtig und wie zufällig auf seine Uhr geschaut, so tat er es jetzt langsam, gründlich und nachdenklich, während unter den Schülern das Rumoren wieder einsetzte. Da rief Genosse Ivanov ihnen zu:

»Und denkt daran, Kinder, ihr werdet den Sieg des Kommu-nismus, die Wahrheit des Kommunismus erleben, die da lautet: ›Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!‹ Wie groß eure Bedürfnisse auch sind, sie werden Berücksichti-gung finden und befriedigt werden. Nicht, so hatten wir gesagt?« Noch ein kurzer, feierlicher Blick zur Uhr, dann: »Gibt es noch Fragen?«

Es gab keine Fragen. Schülerinnen und Schüler drängten zum Ausgang. Auch Simeon wandte sich schon zum Gehen, hielt aber plötzlich inne, kehrte um und näherte sich scheu dem Genossen Ivanov.

»Ihr Vortrag, oh, Ihr Vortrag …«, rief er aus und dachte, so seine beseligte Begeisterung über das Gehörte klar zum Ausdruck gebracht zu haben. Dann schritt er zum hilfreichen Dienst am Nächsten: »Was ich Ihnen noch sagen wollte, Genosse Ivanov: Auf unserer Straße, der Ljuben-Karavelov-Straße, gibt es einen Schneider, alle nennen ihn den Humpelgott, der verkauft eine Heiltinktur gegen Pickel. Sie haben mir solche Ehrfurcht einge-flößt, dass … Wenn Sie wollen, führe ich Sie gerne hin.«

Das Pfannkuchengesicht des Genossen Ivan Ivanov wurde erst kreidebleich, gleich darauf füllte es sich mit Zornesröte. Er wollte etwas sagen, doch seine Entrüstung war so groß, dass er zunächst nur stottern konnte.

»Was fällt dir … Du Lausejunge … Was fällt dir ein, mich zu verspotten?«

»Aber nein, es ist doch aus Hochachtung, und weil ich auch unter Pickeln leide«, stotterte nun auch Simeon.

»Mir machst du nichts vor! Ich habe dich beobachtet, du Rotz-nase, die ganze Zeit hast du spöttisch gegrinst!«

Im Büro der Schuldirektorin versuchte Simeon, zu erklären, dass er aus Ergriffenheit gelächelt habe. Er hatte keine Ahnung, ob die alte und würdige Frau Direktor an den Kommunismus glaubte, doch am nächsten Tag wurde er mit seinem Vater einbe-stellt. Sie wurden darüber unterrichtet, dass der Vorgang negative Auswirkungen auf Simeons Betragensnote haben würde.

So also glaubte Simeon binnen einer Stunde reinen Herzens an den Kommunismus hörte wieder damit auf, so wie ein Kind, das im Kostüm des Weihnachtsmannes seinen Onkel erkannte.

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