Thomas Frahm: Träume ohne Schlaf. Bulgarische Frauengeschichten.

Bulgarische Frauengeschichten Umschlag vorn152 S., Gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 €
ISBN 978-­3­-929634-­68­-6

Erscheinungstermin: Juli 2016

Kurztext zum Buch

Wenn es stimmt, dass die Frau das Ausland des Mannes ist, sollte er da nicht in die Ferne schweifen, um ihr näher zu kommen? Dort darf er als Fremder auch einmal etwas nicht verstehen. Zuhause heißt es doch gleich, er sei hinter dem Mond.

Diesem Negativum setzen die hier versammelten Geschichten das Wunder des Erzählens entgegen: Sie begreifen den Irrtum, die Verwirrung, das Nichtverstehen und die Unsicherheit ihrer männlichen Helden als wundervolle Chance, hinzusehen und hinzuhören und Frauen zu verstehen als Geschichte, die sich in Worten, Taten, Gesten, Mimik und ihrem Gegenteil erzählen will – und erkennen dabei, dass es manchmal das beste ist, die Klappe zu halten und einfach zuzuhören. Denn manches kann man nicht erklären, man kann es nur erzählen. Beim Erzählen ist zwar viel Lüge, Übertreibung und subjektive Gewichtung im Spiel; aber ist nicht gerade das Teil der Wahrheit über uns Menschen, besteht nicht im Charme solchen Arrangierens die Würde des einzigartigen Einzelnen? Vor allem, wenn dieser einzelne Mensch wenig, weniger, gar nichts besitzt außer sein nacktes Überleben, und auch das nur vorerst? Mehr als die Hälfte der Geschichten sind wirklich von Frauen erzählte; da war ich bloß Beleuchter und Sprachregisseur. Bei manchen war’s halbe­halbe. In zwanzig Geschichten entsteht ganz nebenbei ein vielseitiges Bild vom Leben in Bulgarien heute, und dieses Bild ist in so warmen Farben gemalt, in so viel Sonne getaucht, dass vieles, was hier zu lesen ist, zwar betroffen macht, aber nicht abschreckt.

Der Autor

Thomas Frahm, geb. 1961 in Duisburg, studierte Geografie und lebt seit 2000 in Duisburg und Sofia. Er schreibt Lyrik und Erzählungen sowie Artikel und Essays zu bulgarischen Themen und hat sich auch als Übersetzer der Romane Vladimir Zarevs einen Namen gemacht. Sein Buch Die beiden Hälften der Walnuss war das erste Sachbuch, das sich jenseits der journalistischen Klischees und des Reiseführer­-Rosarot mit Bulgarien auseinandersetzte, indem es auch akribisch die Voreingenommenheiten des Autors im Blick behielt. Der Erfolg des Buches zeigt, wie groß der Bedarf für ein solches Buch war.

Inhalt

Glut • Licht der Welt • Trauerfeier • Die Augen einer Katze • Paarfoto • Öffnung des Dritten Auges • Wovon du träumst • Katerinas Martenitsa • Sind Schwertwale wirklich so grausam? • Der Bart ist ab • Zwei Umwege über Deutschland • Kleinstadt­Bohème • Der kleine Pavel und der große Paul • Haltestelle • Unvergänglich • Zwei ohne Schlaf • Heute ist nur eine Erinnerung • Suche nach der Mahala • Sauberkeit • Brautkleid

Leseprobe aus Katerinas Martenitsa

»In den letzten drei Jahren war Katerina keinen einzigen Zentimeter gewachsen. Es war, als wolle sie dadurch eine stille, aber deutliche Verweigerung zum Ausdruck bringen. Ihre Klassenkameradinnen hatten angefangen zu rauchen, in Diskotheken zu gehen und sich entjungfern zu lassen von coolen Pubertätern, die um die Krone des schlechtesten Schülers wetteiferten und obszöne Zeichnungen in der Klasse herumgehen ließen wie Einladungskarten, um die Junghühner, bei denen es unten zu kribbeln begonnen hatte, zu einer spätabendlichen Fummelei auf irgendeiner kaputten Parkbank in einem verwaisten Winkel von Sofia zu animieren. Oft mit Erfolg. Katerina wollte das irgend­wie auch, weil sie klug war und sah, dass man das in ihrem Alter wollen musste; aber leider hasste sie den Gestank von Zigaretten, den Lärm von Diskotheken und die dreckigen Sprüche der halbstarken Widerlinge, die sich auf den Gängen prügelten, in den Pau­sen zwischen zwei Unterrichtsstunden laute Rülpser von sich gaben und mit falsch gesungenen Hooklines aus den Rap­Kopien der bulgarischen Unterhaltungsmusik sich und den anderen zu beweisen versuchten, dass ihr Stimmbruch abgeschlossen war.«