Thomas Frahm: Wunderkiste

Fundstücke aus meiner Lebenskünstlerei

120 S., gebunden mit Schutzumschlag, 18,00 €

ISBN 978–3-929634-80-8

Das Buchstaben

Kunst des Lebens heißt nicht Rückzug aufs Angenehme, in die Wohlfühlzonen, die Idylle, um, einmal drinnen, die Tür zu verriegeln und die bunte Welt nur über Bildschirm zu erfahren. Man muss schon auch selbst ein bunter Vogel sein oder werden, sich schon öffnen, etwas riskieren, sich am Leben messen, auch wenn das weh tut oder gar Entbehrungen mit sich bringt. Also: offen bleiben, ohne die Freude am Leben unter schwerem Problembewusstsein zu begraben.
Der Band enthält daher neben heiteren, ernsten und bissigen Spruchweisheiten für das kleine Lachen zwischendurch, neben Geschichten und Gedichten vor allem auch eigens für dies Buch ver-fasste Essays und philosophische Betrachtungen, die die alten Topoi vom „guten Leben“, von der „Natur des Menschen“ und dem alten Gegensatz von Körper und Geist erörtern.

 

Aus dem Inhalt

Ein Leben mit Vogel
Heiliger, Narr oder Lebemann?
Die beiden Formen des Glücks
Melancholie und Schmerz
Glaube
Himmlische und nicht so himmlische Liebe
Mensch und Humanismus
Politik, Kultur und Gesellschaft
Die Physik der Seele
Kleine Lebenskünstlerin
Hieb-, Stich- und Schlagworte

 

Leseprobe

Bei den Dingen, die die Kunst des Lebens ausmachen, ist es wie mit den Wörtern. Für sich genommen kann man sie leicht nach Wortarten unterscheiden. Harmonie, gesund sein, Freude, essen, Liebe, genug haben, Sicherheit, sich frei füh-len usw. Doch je nach ihrer Stellung und Aufgabe in jenem großen Satzzusammenhang, der Leben heißt, können sie zu etwas ganz Verschiedenem werden. Das Hauptwort wird zu Subjekt oder Objekt, das Tätigkeitswort zum Satzgegen-stand, das Eigenschaftswort zur Satzaussage, und einige von ihnen finden sich auch mal als Satzergänzung oder Objekt wieder. Aber das ist nur Grammatik!
Nun kommen wir, die Menschen, und erlegen den Worten auf, was wir ausdrücken wollen: Rot, eigentlich ein Adjektiv, wie gemacht für die Stellung als Satzaussage, kann zum Sub-jekt oder Satzgegenstand werden, wenn wir sagen: »Rot ist meine absolute Lieblingsfarbe.« Nun wendet der Grammati-ker ein: Das ist doch bloß eine Täuschung, nur ein raffiniert verdrehter Satz, der in richtiger Reihenfolge heißen muss: »Meine absolute Lieblingsfarbe ist rot.« Aber wer so klein-krämerisch herumgrammatisiert, der verkennt den Men-schen. Manchmal ist ihm das, was er fühlt, wünscht, glaubt, so wichtig, dass er durch die Satzstellung andeutet, dass Rot für ihn zur Hauptsache wird, also zum Satzgegenstand, dem etwas zustößt, und was ihm
zustößt, das ist eben: »meine Lieblingsfarbe sein«!
Verstandesmenschen erkennen ganz richtig, dass hier die Gefühle eines Menschen die Sache umkehren und das Prädi-kat zum Subjekt, das Subjekt zum Prädikat machen. Muss das wirklich sein? Manchmal ja, jedenfalls für Lehrlinge in der Lebenskünstlerei: Die wollen ja nicht bloß eine Aussage über sich machen, sondern den Grad ihrer Begeisterung mit-teilen, ihr Verhältnis, ihr Hingezogensein zur Farbe ausdrü-cken, also eine Bewegung. Man pfeift ja auch nicht das Rot zu sich hin, als wäre es ein dressierter Hund, oder legt es sich mit einer herrischen Greifbewegung in den Einkaufswagen oder bestellt es mit einem Anruf beim Lieferservice: »Bitte einmal das Röteste, was sie auf der Karte haben«, sondern man selbst eilt
emotional zum Roten hin.
So lernen wir als Erstes: Kaum kommt der Mensch mit seinen Wünschen, Neigungen und Begierden ins Spiel, reicht das sachlich Richtige oft einfach nicht, es sagt nicht die ganze Wahrheit. Es sagt vielleicht etwas, aber es drückt nichts aus. Der ganze menschliche Faktor besteht aber genau darin: Wir können nicht einfach nur etwas feststellen, wir drücken dabei immer etwas aus. Auch wenn wir ganz kalt und nüch-tern auftreten und nur sachliche
Feststellungen treffen, so sagen wir damit eben nicht bloß etwas aus, wie Technokraten gern glauben, sondern wir drücken dabei, ob uns das be-wusst ist oder nicht, immer auch aus: Ich bin ein Technokrat, nur dass du Bescheid weißt.